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10.05.2008 00:59:10
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Mario Scheuermann: "Es gibt mehr Menschen, die sich eine Flasche Mouton leisten können, als das Château in der Lage ist zu produzieren." Das im Falken-Verlag erschienene Buch "Die grossen Weine des Jahrhunderts" ist eine der erfolgreichsten Wein-Publikationen des Jahres. Während der Frankfurter Buchmesse wurde es von der Gastronomischen Akademie Deutschlands (GAD) mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Michael Meier sprach mit dem Autor des Buches, Mario Scheuermann. MEIER Kann man die Weine aus Ihrem Buch überhaupt kaufen? Und wenn ja, wer um alles in der Welt trinkt so edle Tropfen, die derart teuer sind? SCHEUERMANN Im Prinzip kann man die in meinem Buch beschriebenen Weine schon noch kaufen. Natürlich sind die alten Jahrgänge aus der ersten Hälfte und der Mitte des 20. Jahrhunderts heute sehr selten und entsprechend teuer. Aber je näher man sich an die Gegenwart heranliest bzw. -trinkt, um so erschwinglicher werden die Weine. Gerade den letzten beiden Dekaden des Jahrhunderts ist ein breiter Raum gewidmet. Da gibt es einiges, was man heute noch in der Preisklasse zwischen 50 und 200 Mark kaufen kann, was aber möglicherweise eines Tages Tausende kosten wird. Ein großer Wein ist zwar von Anfang an als solcher zu erkennen, aber er ist nicht automatisch von Geburt an auch ein teurer Wein. MEIER Die Preisentwicklung bei Weinen in den letzten Jahren, vor allem bei Bordeaux, ist enorm. Kann man sich in Zukunft überhaupt noch gute Weine leisten und wie weit dreht sich die Preisspirale noch? SCHEUERMANN Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen bin ich der Meinung, dass die Preise sich noch um einiges nach oben bewegen werden gerade bei Bordeaux, aber auch z.B. bei deutschen Rieslingen, die ich für völlig unterbewertet halte. Für ein Erstes Gewächs vom Rhein, das man heute noch für 30 bis 40 Mark bekommen kann, wird man in nicht allzu ferner Zukunft auch 80 Mark und mehr bezahlen müssen. Bei Bordeaux hat der Markt derzeit nur eine kleine Verschnaufpause eingelegt, an der Börse würde man dies ein technische Korrektur nennen. Danach gehen die Preise zumindest für die Blue Chips wieder weiter nach oben. Ich spreche natürlich nicht von den Phantasiepreisen, die gelegentlich z.B. für Le Pin bezahlt werden. Die Preise sind heute am Ende des Jahrhunderts da, wo sie vor hundert Jahren schon mal waren, nur mit dem Unterschied, dass sich heute sehr viel mehr Leute dieses Vergnügen erlauben können Bedenken sie, dass es mehr Menschen gibt, die sich eine Flasche Mouton leisten können, als das Château in der Lage ist zu produzieren. MEIER Warum sind gerade die Weine aus Bordeaux so teuer? SCHEUERMANN Das hat mehrere Gründe. Die Spitzen, nämlich die Premiers aus Pauillac, Margaux und Graves, aber auch aus St. Emilion und die kleinen Garagenchâteaux aus Pomerol, zählen nun mal zu den feinsten und langlebigsten Weinen der Welt. Zum anderen zahlt sich heute ein150jähriges perfektes Marketing aus, das mit der Klassifikation von 1855 seinen Anfang nahm. Bordeaux das ist ein Nimbus, das ist Prestige. MEIER Wie kann ich einen Jahrhundertwein in dessen Frühstadium erkennen und mich damit eindecken? SCHEUERMANN Für den unbedarften Laien ist das sehr schwer, denn der liebt vor allem, was ihm schmeckt. Und große Weine sind zwar im frühen Stadium auch schon sehr beeindruckend, aber nicht immer zugänglich, sondern meist eher abschreckend. Oft sind sie hart, säurebetont, riechen nach Stall oder Teer. Da hilft nur der Rat von Fachleuten, die sich dadurch nicht in die Irre führen lassen, sondern das Potential richtig einzuschätzen wissen. MEIER Heutzutage kommen viele Spitzenweine aus Amerika oder Australien. Woran liegt diese Entwicklung und was hat sich in den letzten Jahrzehnten dort geändert? SCHEUERMANN Früher haben die besten Winzer Europas die Geheimnisse ihrer Kunst oft für sich behalten. Heute gibt es "flying winemakers" und das Wissen, wie man sehr gute Weine macht, ist global präsent. Früher hat man in diesen Ländern oft die falschen Rebsorten angepflanzt oder auch Weinberge in weniger geeigneten Regionen angelegt. Früher pflanzte man Reben nach dem Motto "Hauptsache viel Sonne". Heute hat man die sogenannten "cool climats" schätzen gelernt, geht höher in die Berge, näher ans Meer, achtet auf den Wind. MEIER In weichen Regionen sind denn die interessantesten Weine der Zukunft zu erwarten? SCHEUERMANN Schwer zu sagen, aber ich denke, dass vor allem Ländern wie Neuseeland, Chile, Südafrika aber auch Argentinien ihr Qualitätspotential noch längst nicht ausgeschöpft haben. Das gleiche gilt für Kalifornien. Dort beginnt gerade erst das große Nachdenken über das Thema "Terroirweine". Wenn hier die Entwicklung so weiter geht wie in den letzten zehn Jahren, dann werden wir vor allem in punkto Pinot Noir, aber auch bei den Cabernets und Chardonnays noch wahre Wunder erleben. Im übrigen würde es mich nicht wundern, wenn wir eines Tages auch aus Indien, auch China, aus Persien oder den Oasen Mittelasiens wieder interessante Weine bekämen. MEIER Waren Sie schon immer ein Weinkenner und wie haben Sie Ihr Wissen erworben? SCHEUERMANN Weinwissen kann man nur auf eine Art erwerben: Learning by tasting. Man muss sich zum einen den ständigen Überblick über die aktuelle Weinproduktion verschaffen. Zum andern muss man versuchen den Charakter möglichst vieler Weine in Vertikalen zu erfassen. Um einen jungen Wein richtig einschätzen zu können, muss man vor allem eines: viel alte Weine getrunken haben. Dem sind natürlich gewisse Grenzen gesetzt. Ich persönlich habe mein Basiswissen eigentlich bereits während der Kindheit und Jugend gelernt, am Stammtisch meine Großvaters mütterlicherseits und durch meinen anderen Großvater, der mich schon sehr früh zu seinen Weinverkostungen mitnahm. Als ich so 16, 17 Jahre alt war, konnte ich schon ganz gut einen Riesling von Silvaner oder einen Morio Muskat von einem Traminer unterschieden. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass eine Eselhaut aus Mussbach etwas anderes ist als ein Herrenletten aus Haardt und dass man das auch schmecken kann. Der gout de terroir, der Geschmack der Erde, das war für mich eine ganz frühe elementare Erfahrung. Allerdings bezogen sich diese Weinkenntnisse ausschließlich auf die Weißweine meiner pfälzischen Heimat. Immerhin hatte ich damit unbewusst aber das organoleptische lnstrumentarium gelernt, mit dem man Weine analysiert. Das Interesse am Wein war nun mal geweckt und später habe ich dann auf vielen Reisen und vor allem auf Raritätenproben wie denen von Hardy Rodenstock das Wissen immer weiter ausgebaut. MEIER Warum haben so viele Spezialisten unterschiedliche Meinungen zu Weinen? Ist denn nicht sonnenklar, weicher der beste ist? SCHEUERMANN Ich denke, dass bei den wirklich großen Weinen die Unterschiede gar nicht so groß sind. Die wirklichen Kenner sind sich da ziemlich einig, vor allem bei den alten oftmals probierten und beschriebenen Weinen. Es sind nur vereinzelte junge Weine, über deren Potenzial die einzelnen Degustatoren verschiedener Auffassung sind. Andererseits ist es heute leider üblich geworden, dass auf der Welle des großen Weininteresses sich allerhand Trittbrettfahrer tummeln, die teilweise recht obskure Meinungen publizieren. Da der Laie aber kaum die Seriosität und die Gewichtigkeit beurteilen kann, sieht es so aus, als gäbe es da wesentliche Meinungsunterschiede. Wenn sie aber z.B. meine Notizen mit denen von Parker oder Broadbent vergleichen mit René Gabriel und anderen angesehenen Autoren, dann sind die Unterschiede eher punktuell und spiegeln unsere persönlichen Vorlieben und Abneigungen wieder. Denn Weinkritik kann natürlich niemals ganz objektiv sein. Die teilweise bizarren Auffassungen von publizistischen Außenseitern, denen es an Erfahrung mangelt, nimmt in der Branche natürlich keiner ernst, vor allem dann nicht, wenn es sich bei den angeblichen Journalisten in Wahrheit um Weinhändler handelt, die natürlich nicht frei von kommerziellen Erwägungen urteilen. MEIER Wie kann ich als Normalbürger mein Weinwissen erweitern? Wo komme ich an die interessanten Weine zur Degustation? SCHEUERMANN Das kommt ganz auf das Niveau an. Zum einen gibt es heute in fast jeder größeren Stadt Weinhändler, die regelmäßig ihr Programm zur Verkostung anbieten. Ich selbst veranstalte zweimal im Jahr in Hamburg einen Weinsalon bei dem ich jeweils 120 Spitzenerzeuger bitte ihre besten Weine dem Publikum zu zeigen. Wenn es um selten und alte Spitzenweine geht, dann veranstalten z.B. das Le Canard in Hamburg oder auch die Krone in Assmannshausen regelmäßig bezahlte Proben mit den besten Gewächsen. MEIER Wieviele Weine haben Sie eigentlich in Ihrem Leben probiert? SCHEUERMANN Das ist schwer zu beantworten. Fest steht: Ich habe etwa 70 000 relevante Notizen in meinem Computer gesammelt. Aber man muss davon ausgehen, dass ich bewusst bestimmt um die 120 000 Weine verkostet habe. Leichter zu beantworten wäre die Frage, wie viele Weine ich tatsächlich getrunken habe. Da ich grundsätzlich pro Tag mindestens eine Flasche Wein trinke, und dies seit über 30 Jahren, dürften das so ungefähr 12.000 Weine gewesen sein. Hinzu kommen die Weine von Menüs und Proben, dann erreichen wir ca. 20.000 Flaschen. MEIER Was ist der älteste Wein, den sie je probiert haben? SCHEUERMANN Das war ein 1649er Tokaj, ein Wein, der ein Jahr nach dem Westfälischen Frieden gekeltert wurde. MEIER Gibt es so etwas wie den besten Wein aller Zeiten? SCHEUERMANN Man sagte früher in Deutschland - jedenfalls berichten das alte Chroniken - es sei der 1540er gewesen. Für mich ringen vielleicht der 1865er Lafite und der 1900er Margaux um diese Krone. Aus diesem Jahrhundert ist einer meiner ganz persönlichen Lieblinge der 61 er La Chapelle von der Rhône. |
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Datum der letzten Aktualisierung: 2006-11-01 |
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