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10.05.2008 23:56:27   

Neue Seite 1

Alle Nachrichten aus den Jahren 1998 bis 2007  mit insgesamt mehr als 50.000 Stichworten von A wie Abruzzen bis Z wie Zweigelt.



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Michael Broadbent:

"Der deutsche Wein braucht dringend eine Klassifikation"

Michael Broadbent, Senior Director des angesehenen Auktionshauses Christie's in der Londoner King's Street und einflussreichster Weinkommentator der Welt, hat sich in einem Interview mit DEGUSTATION erstmals deutlich und vehement für eine Klassifikation deutscher Spitzenweingüter und -lagen ausgesprochen. Nach Meinung dieses "elder statesman of wine" sind deutsche Spitzengewächse derzeit, gerade weil eine klare offizielle Klassifikation der besten Lagen fehlt, weltweit völlig unterbewertet. Im Herbst wird es erstmals unter seiner Regie eine neue Form der Versteigerung im Kloster Eberbach geben. Dann kann jeder Besucher im Saal mitsteigern, wenn er sich vorher eine entsprechende Karte besorgt hat. Es sollen dann kleinere Lots und mehr Einzelflaschen angeboten werden. Außerdem erstellt erstmals Christie's in London den Katalog für diese Versteigerung. DEGUSTATION sprach mit Michael Broadbent in Hamburg und in seinem Londoner Büro.

DEGUSTATION Rund 85.000 Mark wurden vor wenigen Tagen in Genf bei einer Auktion für eine Jéroboam-Flasche 45er Mouton bezahlt. Wohin soll das noch gehen mit den Weinpreisen?

BROADBENT Das weiss nur der liebe Gott.

DEGUSTATION Trotz der astronomischen Summe ist das nichtmal der teuerste Wein.

BROADBENT Nein. Den Rekord hält immer noch der 1787er Lafite, den ich 1985 hier in London für 420.000 Mark versteigert habe. Eine der legendären Jefferson-Flaschen. Aber der 45er Mouton ist damit wohl der teuerste Wein unseres Jahrhunderts. Es fragt sich nur wie lange.

DEGUSTATION Wer kauft solche Preziosen?

BROADBENT Zum einen reiche Leute, die schon alles haben: eine große Jacht, Häuser rund um den Globus mit den jeweils dazugehörigen Freundinnen, die eben Mal 10.000 Mark für den Abschuss eines kleinen Vogels in Schottland ausgeben. Und dann natürlich die Sammler, Händler, Weinfreaks.

DEGUSTATION Wie groß ist dieser weltweite Zirkel der Weinfanatics.

BROADBENT Ich schätze nicht mehr als 500 Leute. Aber man findet sie halt überall auf der Welt in Hongkong, New York, München, Oslo, wo übrigens einer unserer größten privaten Kunden zuhause ist.

DEGUSTATION Und die bestimmen letztendlich die Preise für große Weine?

BROADBENT Dazu genügen zwei, die den gleichen Wein wollen und das nötige Kleingeld in der Kriegskasse haben. Wie bei der 1787er da war der Verleger Malcolm Forbes jun. einer der Bieter, was ich selbst bis nach dem Zuschlag nicht wusste. Der hatte einen eher bizarren Grund, warum er ausgerechnet diese Flasche - koste es, was es wolle - in seinen Besitz bringen wollte.

DEGUSTATION Was war sein wahres Motiv?

BROADBENT Forbes hatte für sein privates Präsidenten Museum gerade den Esstisch von Thomas Jefferson, des dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten erstanden, der wie wir wissen ein großer Weinkenner war. Nun war er der Meinung, dass sich diese alte Flasche mit den Initialen Th. J. ganz apart dazu machen würde. Gegen dieses ganz irrationale Motiv hatte keiner eine Chance. Nur wussten das die anderen Bieter nicht. Die Folge war, dass der Preis explodierte. Ich selbst hatte die Flasche allenfalls auf einen Wert von 5.000 bis 6.000 Pfund taxiert.

DEGUSTATION  Die immer wieder von Laien gestellte Frage: Sind solche Weine wirklich noch trinkbar oder ist das alles nur Einbildung?

BROADBENT Mehr noch. Sie sind ein Genuss. Vor allem die Prephyloxera-Weine. Das sind jene alten roten Bordeaux aus der Zeit bevor die Reblaus die französischen Weinberge verwüstete. Nehmen sie den 1870er Lafite. Der war mal - wir wissen dies aus den Aufzeichnungen von André Simon - so schwarz, so tannic, dass er ganz sicher die ersten 50 Jahre überhaupt nicht richtig genießbar war. Aber das ist auch der Grund, warum er heute immer noch so delikat schmeckt. Das sind faszinierende Trinkerlebnisse.

DEGUSTATION Gibt es für Sie Weine, die unvergesslich sind?

BROADBENT Ganz sicher dieser außergewöhnliche 1870er Lafite. Aber das wäre nicht mein Favorit, da denk ich eher an den 1862er Terrantez von H. M. Borgess aus Madeira. Das wäre so einer der drei Weine für die einsame Insel. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Jede Flasche Wein, die man öffnet, muss man bedauerlicherweise auch innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne trinken, da der Wein sonst über kurz oder lang ein Opfer der Oxydation wird. Ein alter Terrantez dagegen ist unzerstörbar. Man öffnet ihn, trinkt ein Glas, macht den Kork drauf und kann ihn ein Jahr aufheben und er schmeckt noch immer wie am ersten Tag. Dem könnte auch tropische Wärme nichts anhaben.

DEGUSTATION Und die anderen beiden Weine?

BROADBENT Ein Old Tokaij auf jeden Fall. Möglichst 1811 und wenn man den nicht bekommen kann 1889. Dann wird's schwierig. Eigentlich jeder andere Wein aus meiner persönlichen Hitliste.

DEGUSTATION Gibt es einen berühmten Wein, den Sie verpasst haben? Einen Wein, den sie unbedingt noch gern trinken würden?

BROADBENT Ich weiß es nicht. Es gibt schließlich so Vieles, von dem man nichts weiß. Aber ernsthaft. In der ersten Ausgabe meiner Weinnotizen fehlte z. B. der legendäre 47er Petrus, den ich bis zu diesem Zeitpunkt nie probieren durfte. Danach bekam ich dann ganz viele Einladungen von Weinfreunden, die mich mit diesem Edeltropfen locken wollten.

DEGUSTATION Was ist das für ein Gefühl, solche einmaligen Raritäten zu trinken? Schließlich sind diese solange bewahrten Schätze dann unwiederbringlich verloren.

BROADBENT Sind sie ja nicht wirklich; denn durch meine gesammelten und publizierten Notizen z. B. bleiben sie ja der Nachwelt erhalten, können Menschen in Gedanken mittrinken. Ich sehe mich selbst als Chronist und Kommunikator, nicht als Weinkritiker.

DEGUSTATION Mit ihrer Arbeit hat eine völlig neue Ära der Weinbeschreibung begonnen. Mit ihren Notizen haben sie eine ganze Generation junger Weinschreiber beeinflusst.

BROADBENT Das könnte man so sagen. Notizen dieser Art gab es vorher kaum. Zumindest nicht in dieser konsequenten Kontinuität und wohl auch nicht mit dieser Präzision. Thomas Jefferson übrigens war einer der wenigen, die sich in früheren Zeiten bereits sehr präzise Aufzeichnungen machte und diese auch in seinen Briefen publizierte.

DEGUSTATION Wann haben Sie damit angefangen ihre Eindrücke von Degustationen aufzuschreiben?

BROADBENT Gleich 1952 im ersten Jahr meiner Lehre habe ich mein erstes Weinnotizbuch angelegt. Der erste Wein, den ich am 17. September 1952 eingetragen habe, kam übrigens aus Deutschland, ein Graacher von Deinhard für 5.35 Pfund das Dutzend Flaschen. Heute bin ich bei Buch Nummer 106 angelangt und habe darin so an die 70.000 Notizen festgehalten, der älteste darin beschriebene Wein ist ein 1771er Château Margaux. Das daraus entstandene Buch meiner gesammelten Weinnotizen legt Zeugnis ab über vierzig Jahre kontinuierlicher Arbeit mit Wein, beschreibt Weine aus drei Jahrhunderten. Diese können so über die Generationen demnächst sogar von Jahrtausend zu Jahrtausend kommunizieren.

DEGUSTATION Was war eigentlich ihr deprimierendstes Weinerlebnis.

BROADBENT Das ist noch gar nicht so lange her. Bei einem Tasting in Malmö in Schweden. Da stand ein Zoenenbloom Cabernet Sauvignon aus Stellenbosch in Südafrika auf dem Tisch. Alle hielten ihn in der verdeckten Probe für einen echten Bordeaux. Dabei war der Wein so nasty and horrible, dass ich mir das nun überhaupt nicht vorstellen konnte.

DEGUSTATION Irren sie sich nie?

BROADBENT Oh doch. Ich bin schließlich nicht der Papst, auch kein Weinpapst. Es gibt so viele Weine, an die man sich nicht erinnern kann, die es vielleicht auch nicht wert sind, sich an sie zu erinnern. Die erkennt man natürlich auch in einer Blindprobe nicht wieder. Andererseits gibt es Weine, die sind so im Gedächtnis eingeprägt, dass man sich sofort an sie erinnert. Und eine Top-Qualität im Glas erkennt man immer, egal was es ist. Bestes Beispiel ist der Château Musar, den ich mal bei einer Probe von Hardy Rodenstock als Piraten eingeschmuggelt habe. Das ist einfach ein bemerkenswerter Wein, den die meisten nur nicht kannten und ihn deshalb für einen entsprechend großen Wein aus Frankreich hielten. Man darf sich nur selbst nichts vormachen. Mit zunehmendem Alter und der Fülle von Zehntausenden von Weinen, die ich in meinem Leben verkostet habe, lässt einem das Gedächtnis manchmal im Stich. Anderseits ist des mit dem Weinen wie mit Menschen. Da begegnet einem auf der Straße dieses bildhübsche Mädchen, das einem schon so oft zutiefst beeindruckt und gefallen hat, die erkennt man genau wie einen 45er Mouton sofort wieder, während man sich bei einem anderen Menschen, zu dem man kaum Kontakt hatte, und der einem auch nicht sonderlich interessiert, nichtmal an den Namen erinnern kann.

BROADBENT Notizen In mehr als Hundert kleinen Büchern festgehalten.

DEGUSTATION Zurück auf den Teppich. Thema: Wein für den Alltag. Kaufen sie auch mal Wein im Supermarkt an der Ecke wie ein normaler Konsument?

BROADBENT Niemals. Zumindest nicht das, was für vier, fünf Mark dort in den Regalen steht.

DEGUSTATION Ist das nicht ein wenig arrogant?

BROADBENT Nein, überhaupt nicht, sondern ein einfaches Rechenexempel. Wenn ich alle Fixkosten, die auf einer Flasche Wein liegen zusammenrechen also Glas, Label, Kork, Kapsel, Transport, Steuer, Verdienstspanne etc. dann bleibt bei einer 5-Mark-Flasche allenfalls ein Penny für den Inhalt übrig. Bei einem Wein für 15 oder 20 Mark bleiben die Kosten im wesentlichen gleich. Da bekommt der Kunde dann tatsächlich auch Wein für sein Geld.

DEGUSTATION Also sind die Verbraucher nicht genügend aufgeklärt.

BROADBENT  Ja leider. Und daran ist auch zum Teil die Presse schuld. Ich habe gerade einen Brief an den Chefredakteur des Daily Telegraph geschrieben und ihm erklärt, dass ich es für lächerlich halte, dass in den Weinkolumnen über solche Billigweine geschrieben wird. Man sollte nur über gute Weine schreiben. Im Feuilleton, bei den Ausstellungen, der Oper, ja auch bei den Restaurantkritiken muss es mit Recht immer vom Feinsten sein. Auch beim Sport widmet man der Ersten Liga mehr Raum als der zweiten und dritten. Nur beim Wein nicht. Viele junge Weinkritiker vor allem hier bei uns in England sind leider verführt worden über völlig unwichtige Weine und Regionen zu schreiben nur weil es gerade Mode ist oder irgendwer sich von einem Billigimport ein gutes Geschäft verspricht. Die haben zwar ein enormes Wissen angehäuft, aber sie haben zuwenig Trinkerfahrung um die Weine richtig einordnen zu können. Es gibt zu viele Weine, zu viele Tastings und zu wenig Erfahrung.

DEGUSTATION Was sind für sie typische Alltagsweine, die ein gutes Preisleistungverhältnis bieten und was dürfen die kosten?

BROADBENT So bei zehn bis 12 Mark liegt die Einstiegsgrenze. Dafür bekommt man bereits einen kleinen Bordeaux Superieur, einen Corbières oder Minervois, einen anständigen deutschen Riesling. Vorsicht dagegen bei der Rhône. Da gibt's für wenig Geld tolle Weine wie z.B. der Côtes du Rhône von Guigal, aber auch viel Schrott. Und da sind natürlich die Exoten vor allem aus Südafrika und Chile.

DEGUSTATION Die sind jetzt sehr in Mode.

BROADBENT Weil sie preiswert und wirklich gut sind. Die Gründe liegen auf der Hand. Der südafrikanische Rand steht sehr schwach gegen alle anderen Währungen. Deshalb kann man dort extrem billig einkaufen. Und in Chile sind es die extrem niedrigen Lohnkosten von 5 Dollar und natürlich das phantastische Klima.

DEGUSTATION Gibt es noch andere Weine, die in ihren Augen so unterbewertet sind?

BROADBENT Ganz sicher die portugiesischen Rotweine, auch viele Spanier. Während die guten italienischen Weine heute oft schon recht teuer sind. Ich persönlich schätze beispielsweise Weine aus der Rebsorte Chenin blanc von der Loire. Die gibt es aber auch aus Neuseeland oder Südafrika. Es ist eine sehr weit verbreitete Sorte, die aber im Gegensatz zu Chardonnay oder Sauvignon Blanc nicht en vogue ist und deshalb sind die Weine recht billig obwohl sie oftmals eine respektable Qualität aufweisen.

DEGUSTATION Was trinken Michael Broadbent und seine Frau Daphne zuhause.

BROADBENT  Das ist sehr unterschiedlich, von der Situation abhängig. Aber es gibt natürlich ein paar Vorlieben. Freitags nachmittags z.B., wenn wir in unser Landhaus fahren, hole ich immer für Daphne und mich in einem kleinen Shop in der Nähe fish and chips. Die schmecken dort extremly good. Dazu trinken wir einen Tio Pepe Sherry. Der geht ganz wunderbar zu diesem britischen National-Snack. Und dann trinke ich gerne feine süße Rieslingauslesen aus dem Rheingau oder von der Mosel. Aber weniger zum Essen, sondern zuhause in meinem Landhaus Samstags oder Sonntags vormittags so gegen elf Uhr sozusagen als zweites Frühstück oder als Aperitif zum Lunch. Sie sind einfach zu genießen. Sie brauchen kein Essen als Begleitung wie ein Bordeaux. Wunderbar ist auch ein 10 Jahre alter Graham Port nach dem Lunch. Der ist sehr förderlich für die anschließende Siesta.

DEGUSTATION Und zum Essen?

BROADBENT Da bevorzuge ich im Augenblick die Bordeauxweine der Jahrgänge 1981, 1983, 1985 oder auch italienische Weine aus der Toskana und Piemont aus Jahren wie 1989 und 1990. Von den letzten Wochenenden sind mir da in guter Erinnerung geblieben: 1982 Chasse Spleen, 1983 Cos d'Estournel und 1985 Bon Pasteur. oder von einem unserer letzten Family Diners: 1990 Barbaresco und 1989 Barolo von Pio Cesare.

DEGUSTATION Die Weinwelt ist in den letzten Jahren immer bunter, vielfältiger geworden. Der Normalverbraucher hat längst den Überblick verloren.

BROADBENT Das stimmt. Die Welt ist voll von Weinen zu reasonablen Preisen und anständiger Durchschnittsqualität. Das ist irgendwie angenehm für die Kunden, aber es ist auch gefährlich. Denn dadurch wird nur das Mittelmaß gefördert. Wenn man wie ich in ein gewisses Alter kommt, dann will man sich nicht mehr mit allem beschäftigen müssen - Cabernet aus Bulgarien, Chardonnay aus China usw.. Das überlasse ich den Journalisten. Ich denke ich werde den Rest meines Lebens einfach damit zubringen nur noch die Klassiker zu studieren und für die absolute Top‑Qualität zu kämpfen.

DEGUSTATION Klassiker - das heißt für sie was?

BROADBENT Nun die großen Weine aus Frankreich vor allem natürlich Bordeaux und Burgund, Italien mit der Toskana und Piemont, dazu Spanien und Deutschland. Sicher auch Port, Madeira und Tokaij, aber das ist es dann auch schon. Sicher werde ich auch einen Wachauer Riesling genießen, aber ich werde sicher kein Studium Generale solcher Weine mehr betrieben.

DEGUSTATION Und Übersee? Es fällt auf, dass in einer Liste der besten Weine, die Sie mal für die Zeitschrift "Decanter" aufgestellt haben, nur zwei Exoten auftauchen und zwar ein Grange Hermitage des Jahrgangs 1971 aus Australien und der 1968er Martha's Vineyard von Heitz Cellars aus dem Napa Valley.

BROADBENT Zwei wirklich große Weine. Aber das sind nach wie vor Ausnahmen. Es gibt heutzutage einfach zu viele Weine. Und alle machen das gleiche. Inzwischen produziert wohl jeder einzelne Bundesstaat der USA Wein. Die Individualität vieler Weine droht verloren zu gehen, weil überall mit den gleichen Rebsorten und mit der gleichen modernen Kellertechnik gearbeitet wird. Es ist doch erschreckend, wenn ein Weißwein aus Sizilien genau so schmeckt wie einer aus Norditalien. In der neuen Welt ist das besonders verbreitet. Daher will ich eigentlich mit Australien oder Neuseeland nichts zu tun haben. Die meisten Weine, die dort gemacht werden sind mir zu uniform. Mich interessieren eigentlich nur solche Weine, die Lebensläufe haben können. Nicht weil ich ein Snob bin. Es geht einfach einerseits um die Bedeutung von Märkten und andererseits um die Lebenserwartung von Weinen und da reden wir halt nun mal in erster Linie vor allem von Bordeaux, aber auch Burgund, Sauternes, Port etc..

DEGUSTATION Sie haben gerade im Hamburger Restaurant Le Canard ein Diner kommentiert mit Weinen, die sie zum Menü, das Josef Viehhauser für Sie kreiert hat, ausgesucht haben. Wie sehen sie das Verhältnis von Speisen und Wein?

BROADBENT Man muss wie bei einem musikalischen Duo entscheiden, wer der Solist ist und wer begleitet. Wenn ich in ein gutes Restaurant gehe, steht natürlich die Kochkunst des Chefs an erster Stelle. Da soll der Wein das Essen untermalen. Wenn wir in unserem kleinen privaten Bordeaux-Club hier unsere besten Weine präsentieren, dann kocht meine Frau irgend etwas einfaches und unprätentiöses dazu. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die wollen immer alles haben: Feinste Speisen und große Weine. Aber ich warne davor: oft genug geht das schief. Nicht jeder hat so ein geschicktes Händchen wie Josef Viehhauser, der Chef des Le Canard, dem eine so feine Liaison gelang wie gebratener Zander mit Spargel zu einem Premier Cru Clavoillon aus Puligny Montrachet von V. Leflaive, eine Kombination, in der sich Wein und Speise ideal ergänzten. Aber selbst auch einem so feinfühligen Meisterkoch kann etwas daneben gehen. Der Ruwer-Riesling, eine Spätlese von Christoph Tyrell, beispielsweise mochte sich mit dem marinierten Hummer auf Kaiserschoten überhaupt nicht vertragen, das war wie ein Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Oder nehmen Sie seine Kombination des Seesaibling mit Bohnenpürrée und Ingwersauce - ein gefährliches Gewürz zu Wein by the way - zum Chardonnay von Bründlmayer aus dem österreichischen Kamptal, ein renommiertes Gut, das ich allerdings bislang nur als Erzeuger großer Veltliner kannte. Das war sehr riskant, aber mit Bravour gemeistert. Der Wein trug das feine Aroma des Fisches und der Bohnen. Mit der Ingwersauce ging er dann mit viel Fingerspitzengefühl exakt an die Grenze dessen, was dieser Wein aushält.

DEGUSTATION Es fällt auf, dass Sie keinen Rotwein zum Käse sondern eine Neuburger Beerenauslese aus dem Burgenland ausgesucht haben, die andere eher zum Dessert trinken würden.

BROADBENT Aber wie herrlich passte dieser edelsüße Wein mit seiner Konzentration und seinem recht deutlichen Alkohol zu Viehhausers Roquefortterrine mit Tomatengelée und Olivenpürrée. Jeder Rotwein, wäre bei dieser Geschmacksattacke gestorben. Ein Kardinalfehler, der übrigens immer wieder gemacht wird. Vor kurzem hatte ich mehrere Dinner in Drei-Sterne-Restaurants hintereinander, das erste bei Michel Roux hier im Waterside Inn. Da gab es einen 90er Opus One, der überhaupt nicht zum Hauptgang passte, und den wir dann zu Käse weitertrinken sollten. Dadurch wurde der Wein dann vollends gemordet. Zur mächtigen Creme Brulée sollte ein edelsüßer Château d'Yquem kredenzt werden. Da habe ich dann stop gesagt und dafür gesorgt, dass es den Yquem zum Käse gab. Eine paar Tage später in Aschau bei Heinz Winkler, einem wirklich exzellenten Koch, passierte der gleiche Fehler. Yquem zum Pudding - eine grausliche Vorstellung.

DEGUSTATION Was würden Sie denn zu einem Pudding trinken?

BROADBENT Das hatten wir gerade am Wochenende zu hause. Einen wunderbar leichten feinen Moscato d'Asti zum Rhabarberpudding - ein Hochgenuss!

DEGUSTATION Im letzten Jahr haben sie zum ersten Mal auch in Deutschland eine Auktion geleitet und zwar im November bei der Herbstversteigerung des VDP im Kloster Eberbach im Rheingau. Wird es eine Fortsetzung geben?

BROADBENT Ja; denn ich will gerne etwas tun für den deutschen Wein, der in meinen Augen viel zu billig gehandelt wird. Das fängt mit dem Katalog an. Im Herbst wird erstmals Christie's einen Katalog für eine Versteigerung in Eberbach produzieren, einen richtigen Katalog mit allen nötigen Erklärungen und Beschreibungen, die ein potentieller Käufer braucht um zum bieten animiert zu werden.

DEGUSTATION Welchen Stellenwert haben deutsche Spitzenweine derzeit z.B. in England?

BROADBENT Sehr gute deutsche Auslesen aus aktuellen Jahrgängen erreichen bei unseren Auktionen Preise von zehn bis 15 Pfund. Das ist eine Schande! Sie sollten eigentlich soviel bringen wie ein Château Léoville Las-Cases oder ähnliche klassifizierte zweite, dritte Gewächse aus Bordeaux also 25 bis 30 Pfund die Flasche.

DEGUSTATION Wie war das kürzlich, als sie einen kompletten eigenen Katalog für das doch recht angesehene Rheingauer Weingut Aschrott Erben auflegten.

BROADBENT Das Ergebnis war leider niederschmetternd. Der Katalog kostete mehr als die Auktion für uns an Erlöse brachte. Es ist kaum zu glauben, aber wir haben an der Aschrott-Auktion Geld verloren.

DEGUSTATION Warum hat es der deutsche Wein so schwer auf der Welt?

BROADBENT In erster Linie ist die total konfuse Bezeichnungen auf den Etiketten schuld. Die Leute können einfach nichts mit den Namen der Weinberge anfangen. Es fehlt eine klare Klassifikation für Spitzengewächse, wofür ja namhafte Autoren wie sie selbst oder mein britischer Kollege Hugh Johnson seit langem vehement eintreten. Die besten deutschen Erzeuger und Lagen müssen klassifiziert werden, wenn sie auf der Welt wieder eine wichtige Rolle spielen sollen. Das ist der einzig richtige Weg. Sehen Sie sich doch mal an, wie das die alten Weinhändler gemacht haben. Ich habe hier eine Originalflasche aus dem 19. Jahrhundert von Manskopf & Sons in Frankfurt mit der Aufschrift "1870 Prince Metternich's Castle Johannisberg - firth growth". Es war ein kapitaler Fehler der Deutschen, diese Klassifikation, die in der Viktorianischen Zeit offensichtlich existiert hat und dazu führte, dass z.B. Rheingauer Weine damals in England großes Ansehen genossen, nicht in einem entsprechenden Gesetz zu verankern. Stattdessen kam dieses unsagbar schlechte 71er Weingesetz, das alles noch schlimmer machte.

DEGUSTATION Aber das war sicher nicht der einzige Grund, der zum Image und damit Preisverfall deutscher Weine führte.

BROADBENT Ein anderes Problem war sicher die Arbeit und Lehre der Forschungsanstalt in Geisenheim. Die hier forcierte Übertechnisierung im Keller, die Bevorzugung von Neuzüchtungen und massentragenden Klonen. Das war ein Desaster. Lange Zeit konnte man im fertigen Wein nicht mehr erkennen, ob der nun aus Rauenthal oder Rüdesheim stammte. Das schmeckte alles mehr oder minder gleich. Der Charakter des Bodens ging völlig verloren. Die Rheingauer Winzer, aber nicht nur diese, produzierten unter dem Einfluss dieser Lehranstalt Weine ohne Charakter. Man muss aber zwischen Lagen und Orten unterscheiden können. Das sind ganz wesentliche Qualitätsmerkmale für große Weine. Oder nehmen sie die Modeerscheinung der Eisweine. So etwas kann man praktisch aus jeder Rebsorte überall dort produzieren, wo es die klimatischen Bedingungen zulassen. Aber diese Weine schmecken dann doch alle recht uniform. Jedenfalls können sie keinem Vergleich mit einer echten Trockenbeerenauslese standhalten.

DEGUSTATION Normalerweise haben ja kleine Jungs irgendeinen Traumberuf, Lokomotivführer oder so etwas. Wie war das bei Ihnen?

BROADBENT Nichts der gleichen. Ich war eigentlich bis weit in mein Architekturstudium hinein ziemlich lazy und wenig interessiert.

DEGUSTATION Zu Wein fanden Sie erst sehr spät.

BROADBENT Ja mit 25 Jahren. Eigentlich sollte ich ja die Baumwollspinnerei der Familie übernehmen, die mein Vater in der vierten Generation führte, aber die Geschäfte gingen damals sehr schlecht und in der Nachbarschaft gab es einen Architekten und das gefiel wiederum meiner Mutter. So kam es, dass ich nach drei Jahren bei der Army (die begann übrigens ziemlich genau vor 50 Jahren zum Kriegsende als ich als Artillerist in Dover stationiert war) ab 1948 in London Architektur studierte. Das ging mir aber bald auf den Geist. Zu viele Examina und überhaupt, ich wollte etwas positives machen. Da war es wieder meine Mutter, die eine Anzeige las und dachte, dass das der richtige Job für ihren Sohn sei. Tommy Layton, Besitzer einer Weinbar und -handlung in der Nähe des Manchester Squares suchte einen Lehrling. Ich stellte mich vor. 1952 begann ich meine Lehre und machte auch gleich meine erste vorhin erwähnte Eintragung.

DEGUSTATION Seit wann sind sie verheiratet?

BROADBENT Seit 1954. 40 Jahre waren es letztes Jahr. Sie erinnern mich daran, dass ich den Tag eintragen muss. (holt sein Notizbuch heraus und blättert darin) Es ist der 19. Juni. Dieses Jahr sind wir auf dem Weg nach Bordeaux zur Vinexpo. Abends haben wir ein Diner auf Château Margaux. Der passende Rahmen. Letztes Jahr feierten wir diesen Tag in Aspen Colorado, wo ich eine Weinschule abhielt.

DEGUSTATION  Sie gelten als jemand, der nie trinkt sondern immer nur ausspuckt. Stimmt das?

BROADBENT Ja ich weiß, dass ich die Reputation habe nie zu trinken. Das stimmt nicht. Aber ich trinke nur in Maßen.

DEGUSTATION Waren sie eigentlich schon mal betrunken.

BROADBENT Durchaus, aber sehr selten.

DEGUSTATION Zu ihrer Probiertechnik. Wie gehen Sie vor wenn sie Weine verkosten?

BROADBENT Wenn bei einer Probe eine Serie von Weinen eingeschenkt wird, dann stecke ich sofort meine Nase ganz tief ins Glas und notiere mir den allerersten Eindruck des Duftes unmittelbar nachdem der Wein aus der Flasche kommt. Das mache ich bei jedem Wein des Flights. Dann erst schaue ich mir der Reihe nach in Ruhe alle Weine an. Anschließend beurteile ich das Bukett ein zweites Mal und nehme einen Schluck, den ich meist ausspucke. Es ist wichtig während großer Proben einen klaren Kopf bis zum Schluss zu behalten. Beim Essen ist das natürlich etwas anderes.

DEGUSTATION Warum kommt die Farbe erst an zweiter Stelle?

BROADBENT Die Farbe ist zwar eminent wichtig. Sie kann einem sehr viel über den Wein verraten, vor allem über sein vermutliches Alter. Aber die Farbe verändert sich nicht. Der Duft dagegen schon und das primäre Bukett aus der Flasche verändert sich sehr schnell, ist aber sehr wichtig für die Beurteilung. Im übrigen waren sich viele Degustatoren überhaupt nicht über die Bedeutung der Farbe klar, ehe ich nicht vor Jahren erstmals in einem meiner Bücher diese Farbbeispiele gedruckt habe.

DEGUSTATION Notieren Sie wirklich alles per Hand oder benutzen sie heimlich einen Computer?

BROADBENT Nein, wirklich nicht. Dazu bin ich zu dumm. Außerdem bin ich da ein wenig altmodisch. Ich übertrage selbst die Notizen, die meine Frau manchmal für mich macht, wenn ich über Weine referiere, anschließend mit meiner eigenen Handschrift in mein gerade aktuelle Büchlein. Das sind wirklich Tagebücher für mich, in denen ich nicht nur die Weinnotizen festhalte, sondern auch den Anlass, die Menschen die anwesend sind, das Essen oder auch einfach optische, atmosphärische Eindrücke, die ich oft mit meinen kleinen Skizzen festhalte. So war mein Architekturstudium schlussendlich doch noch zu etwas nützlich.


 

2000 Contado

Molise - Italien

Di Majo Norante
Campomarino (CB)

Note: 87 Punkte
 Vollständige Degustationsnotiz

DEUTSCHLAND
Oechsle-Rekorde

BORDEAUX 
Die 80er Jahre

Mario Scheuermann:
"Es gibt mehr Menschen, die sich eine Flasche Mouton leisten können, als das Château in der Lage ist zu produzieren." Zwölf Fragen an den Autor des Buches "Die grossen Weine des Jahrhunderts"

Robert Parker jr. :
"Meine Mutter ist eine gnadenlose Kritikerin." Das grosse Interview mit dem amerikanischen Weinkritiker aus dem Jahr 1995.

Michael Broadbent:
"Der deutsche Wein braucht eine Klassifikation." Der Senior Director des Londoner Auktionshauses Christie´s im Gespräch aus dem Jahr 1995.


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Datum der letzten Aktualisierung: 2006-11-01

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