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31.07.2010 01:20:06   

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Robert Parker: "Meine Mutter ist eine gnadenlose Kritikerin." Während seines Deutschland-Aufenthaltes im September des Jahres 1995 führte Robert Parker jr., Amerikas Weinkritiker Nummer eins, in München mehrere Gespräche mit Weinfreunden und Kollegen, aber er gab nur ein einziges längeres, exklusives Interview und zwar für den Wine News Letter DEGUSTATION. Es fand im Anschluß an das mittlerweile legendäre Pre-Phylloxera-Frühstück statt, bei dem Hardy Rodenstock seinen Gästen nicht weniger als 17 Weine aus dem 19. Jahrhundert kredenzte. Das Interview wurde ergänzt um einige vom Autor ausdrücklich autorisierte Passagen aus dem biographischen Essay, das Parker in der 100. Ausgabe seines "Wine Advocat" publiziert hat.

DEGUSTATION Haben Sie schon mal eine Probe wie diese erlebt?

PARKER Ich glaube, das hat noch nie jemand zuvor erlebt. Ich nicht, Sie nicht und unser honoriger, so unglaublich generöser Gastgeber Hardy Rodenstock sicher auch noch nicht. Das wird es vermutlich auch so nie wieder geben können. Ich glaube, man wird die Geschichte der Weinbeschreibung und -bewertung in zwei Zeitalter einteilen müssen. Das erste ging gestern zu Ende und das zweite beginnt heute. Ich war Zeuge vieler großer Tastings, aber ich habe noch nie etwas erlebt, was diesem auch nur ähnlich war. Solch einen Moment erlebt man sicher nur einmal im Leben.

DEGUSTATION Einen neuen 100-Punkte-Weine entdeckt?

PARKER Einen? Mehrere! Aber fragen Sie mich nicht danach. Die werde ich natürlich jetzt nicht verraten. Man wird es in einem meiner nächsten News Letter lesen können. Ich denke aber, es werden in etwa die gleichen sein, die Sie mit 20 Punkten bewertet haben. Wir lagen ja gestern und heute in unseren Bewertungen immer ziemlich nahe beieinander.

DEGUSTATION Wenigstens einige Sätze zu dem sensationellen Rausan-Ségla-Flight mit Pre-Classification- und Pre-Phylloxera-Weinen, den wir gerade erlebt haben.

PARKER Na gut. 1865 Rausan-Ségla, das sind für mich klare 100 Punkte. Aber alle anderen, da muß ich erst mal drüber schlafen und einige Tage nachdenken.

DEGUSTATION Würden Sie meinen Lesern aus der Liste Ihrer bisher mit 100 Punkten bewerteten Weine, Ihre persönliche Top Ten aller Zeiten nennen?

PARKER Meine Top 10 Favoriten aus diesem Jahrhundert sind (nach einigem Überlegen und der Frage, ob der 21er Yquem nicht doch dazugehören sollte) alle rot:

1900 Château Margaux

1945 Château Mouton

1947 Château Cheval Blanc

1947 Château Lafleur

1961 La Chapelle

1961 Château Pétrus

1961 Château Latour à Pomerol

1988 La Mouline

1990 Le Pavillon

1990 Château Rayas

DEGUSTATION Sie sind der bekannteste und gefürchtetste Weinkritiker der Welt. Welche Auflage hat Ihr News Letter "Wine Advocate" heute?

PARKER Ich habe ca. 31.000 Abonnenten - 25.000 davon in den USA und 6.000 in Übersee. In Deutschland sind es derzeit knapp 200.

DEGUSTATION Seit wann gibt es den "Wine Advocate"?

PARKER Im Sommer 1978 erschien die erste offizielle Ausgabe mit 2000 Dollar Startkapital, die ich mir von meinen Eltern geborgt hatte. Die Jubiläumsnummer 100 ist gerade erschienen.

DEGUSTATION Wieviele Weine haben Sie in dieser Zeit verkostet und bewertet?

PARKER Es werden so ca. 170 000 Weine sein, die wir in unserem Computer erfaßt haben. Das ist eine seriöse Schätzung; denn ich probiere ca. 10.000 Weine pro Jahr und das seit 17 Jahren.

DEGUSTATION Das heißt rein rechnerisch, also statistisch gesehen ca. 28 Weine pro Tag.

PARKER Naja, an manchen Tagen sind es wie heute so um die achtzig oder auch hundert an anderen Tagen nur zwei, drei.

DEGUSTATION Kann man da überhaupt noch etwas Neues entdecken?

PARKER Klar. Heute zum Beispiel den Jahrgang 1921. Das war in dieser Konsequenz, wie Hardy es uns vorgeführt hat, völlig neu für mich. Noch nie zuvor habe ich diese Weine in diesem perfekten Zustand und in dieser Breite aus Magnumflaschen probieren können. Erst dadurch habe ich mir ein wirkliches Bild von diesem großen Jahrgang machen können. Und natürlich hatte ich wie die meisten Kollegen keine tiefgehenden Erfahrungen mit Pre-Phylloxera-Weinen. Selbst für einen Weinhistoriker wie Hugh Johnson war das alles neu. Oder nehmen Sie den alten Fuchs Michael Broadbent, der sicher mehr solche Weine getrunken hat, als wir alle, der fiel doch bei einigen Weinen wie 1874 Ausone aus allen Wolken. Oder nehmen sie 1921 L`Eglise-Clinet. Den kannten weder Broadbent noch Johnson. Ich auch nicht, und dabei ist er neben Cheval Blanc der Jahrgangsbeste. Es werden nach einem Tag wie heute viele Bücher umgeschrieben werden müssen.

DEGUSTATION Sie leben und arbeiten in Baltimore. Nicht gerade der Mittelpunkt der Weinwelt?

PARKER Das ist korrekt. Ich glaube nicht mal, daß Baltimore zu den zehn Städten gehört, die Sie unbedingt auf Ihrer Liste haben sollten, wenn Sie Amerika besuchen. Vielleicht unter den TOP 50. Aber andererseits ist es ein angenehmer Platz mit einem Flughafen, von dem aus man jeden Punkt der Welt erreichen kann. Und, was wichtiger ist, ich wohne heute noch zehn Minuten von meinem Geburtsort entfernt, recht ländlich, und die meisten der Ortsansässigen, in dieser hauptsächlich Milch produzierenden Grafschaft North Baltimore, denken, daß dies ein recht ungewöhnlicher Platz für ein Weinkritiker ist.

DEGUSTATION Wie sind Sie dort aufgewachsen?

PARKER In einer stinknormalen amerikanischen Mittelklasse-Familie, in der niemals Wein getrunken wurde. Ein Farmerkind.

DEGUSTATION Erinnern Sie sich an Ihren ersten Wein?

PARKER Das war an meinem 18. Geburtstag. Ein zuckersüßes, mineralisches Etwas mit dem Namen "Cold Duck". Eine katastrophale Erfahrung. Es folgten ähnliche Horrorerlebnisse während meiner Zeit als Freshman im College: Billige, verstärkte Weine mit höchst zerstörerischer Kraft.

DEGUSTATION Und Ihr erster richtiger Wein? Wann war das?

PARKER Das ist eine lange, aber auch lustige Geschichte. Im Dezember 1967, ich war gerade 20 Jahre alt, verließ ich nach Semesterende die Universität von Maryland, um meiner ersten großen Liebe, einem Mädchen, das im Rahmen eines akademischen Austauschprogramms in Frankreich studierte, zu folgen. Zu sagen, ich wäre damals naiv gewesen, provinziell und weltfremd, wäre eine glatte Untertreibung. Der Flug von New York nach Paris war ein historischer Moment für mich. Es war mein erster Trans-Atlantik-Flug. Ich trug einen funkelnagelneuen dreiteiligen Anzug, denn ich wollte bei diesem Rendezvous so gut wie möglich aussehen. Ich hatte meine Liebe vier Monate nicht gesehen. Das erste Mißgeschick traf mich schon auf dem Flug von Baltimore nach New York. Während wir eine Luftturbulenz durchflogen, schüttete ich mir Kaffee über den neuen Anzug. In der Maschine nach Paris saß ich neben einem Harvard-Studenten, dessen Vater in der französischen Hauptstadt arbeitete. Er sprach fließend Französisch (mein Französisch war reduziert auf eine Handvoll von Wörtern). Ein Weltreisender, und ein Produkt unserer feinsten Privatschulen. Eifersüchtig und beeindruckt von seiner Erscheinung fühlte ich mich wie Elmer Fudel neben James Bond. Ich erinnere mich, daß ich absolut nervös wurde eine Stunde vor meiner endgültigen Ankunft, nachdenklich ob meine Freundin wohl am Orly Flughafen auf mich wartete. Würde sie mich immer noch so lieben, wie ich sie? Meine Nervosität brachte mich dazu, noch nach einem Getränk zu fragen einem alkoholischen.

DEGUSTATION Doch nicht etwa Wein?

PARKER Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht mal mehr. Ich stürzte das Zeug jedenfalls schnell runter und schlief ein. Mein Flug sollte planmäßig um 10.30 h landen. Um 10.45 h bin ich aufgewacht und habe mit Grausen auf meine Uhr geschaut. Ich sprang von meinem Sitz, um der Stewardeß mitzuteilen, daß ich den Halt in Paris verpaßt hatte. Amüsiert klärten die junge Stewardeß und mein Sitznachbar mich auf, daß wir bisher noch nicht in Paris gelandet seien, sondern die Maschine Verspätung hätte. Sie sagte weiter, in ihrer vorsichtigen, aber bestimmten, netten Art, daß Pan Am es niemals zulassen würde, daß einer ihrer Passagiere den Stop verschliefe. Zwanzig Minuten später erklärte uns der Kapitän, daß wir wegen Nebels nicht in Orly landen könnten. Der Flug würde nach Rom umgeleitete, wo wir übernachten würden. Zu meinem Nachbarn gewandt, sagte ich mit Worten, die ich nicht wage zu wiederholen, wie unbeschreiblich schmerzlich ich diese Wendung der Ereignisse fand. Wie könnte man von einem jungen College-Studenten erwarten, der weder französisch noch italienisch spreche, der ein Ticket nach Paris gekauft habe und dessen Freundin am Ausgang auf ihn wartete, daß er seinen Weg von Rom nach Paris fände. Ich werde nie sein amüsiertes Gesicht vergessen, als er mir erklärte, daß die Fluggesellschaft für meine Unterbringung in Rom verantwortlich sei und daß Pan Am mich am nächsten Tag auf ihre Kosten nach Paris fliegen würde. Ich seufzte aus Erleichterung und Freude, als mir klar wurde, daß ich eine kostenlose Nacht in Rom verbringen würde, einer Stadt von der ich nicht erwartet hatte sie zu besuchen. Ich kam in einem noch immer nebligen Paris am nächsten Tag an, und meine Freundin war immer noch da. Sie brachte mich zu einem Café, wo ich mein allererstes Glas trockenen Tafelwein trank. Ich habe dann in der Folge nicht nur Wein getrunken. Ich aß auch zum ersten Mal Schnecken und Muscheln. Zum ersten Mal in meinem Leben gab es ein alkoholisches Getränk, das mich nicht umhaute wie Bier oder blind machte wie Likör, vielmehr ergänzte es in wunderbarer Weise das Essen. Während meines sechswöchigen Aufenthalts trank ich jeden Abend Wein und genoß die französische Küche. Da ich europäische Geschichte im Hauptfach und Kunstgeschichte im Nebenfach studierte, hatte ich eine gewisse Ansicht von der französischen Kultur, die gänzlich durch diese Reise bestärkt wurde. Zusätzlich entdeckte ich, daß die Franzosen Profis zu sein schienen, wenn es um den Genuß von Wein, Essen und Leben ging. Das zweistündige französische Mittagessen und das drei bis vierstündige Dinner waren für mich so zivilisiert wie ein Museumsbesuch im Louvre.

DEGUSTATION Wie wurde aus dem frischgebackenen Weinliebhaber (im doppelten Wortsinn) der erste Winewriter Amerikas; denn Sie haben ja nicht nur eine persönliche Karriere gemacht sondern strenge genommen einen neuen Berufsstand gegründet. Winewriter oder winecritics in dem Sinne wie Sie den Beruf definieren, gab es ja vorher weder in Europa noch in Amerika sondern nur Schriftsteller und Wissenschaftler, die sich auch mit Wein beschäftigten, aber eher feuilletonistisch und nicht so konkret.

PARKER Die Idee einer unabhängigen Publikation über Weine reiften in der Mitte der Siebziger. Ich erinnere mich nicht mehr genau an Zeit und Ort, aber ich erinnere mich, daß wir zunächst die Idee hatten, daß es eine Zwei-Personen-Zeitschrift sein sollte. Ich testete oft Weine zusammen mit Dr. Victor Hugo Morgenroth, einem lieben Freund, der als Toxikologe für die Nahrungs- und Genußmittelbehörde arbeitet. Wir waren etwa gleich alt und teilten eine ähnliche Philosophie über die vorhandene Weinliteratur - großartig für einen historischen Überblick, aber ein totaler Reinfall, wenn es für den Konsumenten um die Maßstäbe der Qualität ging. Aber wir beide sahen uns zwei weiteren Dingen gegenüber - wie konnte man ständig soviel Wein kaufen und probieren, ohne sich damit zu ruinieren und durch unser besessenes Verhalten unsere Frauen zu verlieren. Die Lösung schien uns eine Publikation über Weine zu sein. Zumindest wären wir in der Lage, eine Steuer- vergünstigung für unsere Geschäftskosten zu erhalten. Die Idee einer kostenlosen ersten Ausgabe wurde beschlossen, in der wir gedachten, den Bordeaux-Jahrgang 1973 zu beschreiben. Diesen Weinen wurde beachtliche Bedeutung von Seiten des Handels beigemessen als ein nützlicher, fruchtiger, gut zu verkaufender Wein, der leicht zu trinken und zu verstehen wäre. Wir waren ganz anderer Meinung. Wir fanden, daß die meisten Weine dünn und schrecklich schmeckten. Beeinflußt durch Konsumentenanwälte wie Ralph Nader, sollte unsere Veröffentlichung die erste, nur an den Interessen der Konsumenten orientierte, kritische Weinpublikation werden. Im Frühjahr 1978 erbat Dr. Morgenroth, der eine Interessenkollision mit seinen öffentlichen Pflichten durch sein Engagement bei der Weinpublikation befürchtete, die Zustimmung der Nahrungs- und Genußmittelbehörde. Die FDA weigerte sich, und mein potentieller Newsletter-Partner war dahin. Ich hing einige Monate herum und entschied dann, daß ich es auch allein tun konnte. Da niemand wußte, wer ich war, wußte ich, daß die erste Ausgabe kostenlos sein mußte. Ich hoffte, die vier Grundsätze 1. Ablehnung von Anzeigen, 2. eine strenge ethische Haltung bei der Behandlung der Themen, 3. strikte Vermeidung von Interessen-Kollisionen (ich bezahlte meine eigenen Hotelrechnungen, Flugtickets und Weine) und 4. die Orientierung am Verbraucher, wären genug, um die Veröffentlichung auf den Weg und zum laufen zu bringen. Nachdem ich mir 2000 $ von meinen Eltern geliehen hatte, wurde die erste Ausgabe im Sommer 1978 verschickt.

DEGUSTATION Wie war die Resonanz?

PARKER Frustrierend. Wir hatten 6.500 Exemplare verschickt in der Hoffnung 25 bis 30 Prozent Rückantworten zu bekommen. Es kamen ganze 600. Heute weiß ich natürlich, daß ein zehnprozentiger Rücklauf ein großer Erfolg war. Heute weiß ich, daß zwei, drei Prozent ein normaler Rücklauf sind. Aber immerhin, die 600 Abonnenten gaben mir genügend Profit, um eine weitere Ausgabe zu publizieren. Die erschien im Oktober 1978. Sie enthielt einen Artikel über die kalifornischen Weingüter, deren schlechte Philosophie und deren viele miesen Weine.

DEGUSTATION Zu dieser Zeit war dies für Sie aber immer noch eine reine Nebenbeschäftigung, ein Zweit-Beruf.

PARKER Richtig. Die Zahl der Abonnenten wuchs nur langsam. Der Newsletter erschien alle zwei Monate, da ich noch weiter als Anwalt beschäftigt war. Diese doppelte Belastung führte zu vielen Diskussionen in der Familie. Welchen Weg sollte ich einschlagen? Den, der durch meine Ausbildung vorgezeichnet war oder den anderen, für den mein Herz schlug. Es war meine Frau Pat, die 1982 entschied, daß es wohl das Beste wäre, den Anwaltsberuf aufzugeben.

DEGUSTATION Sie legen großen Wert auf das Urteil ihrer Frau?

PARKER Niemand hatte so einen positiven Einfluß auf mein Leben wie sie. Sie hat mich auf den richtigen Weg geführt, indem sie mich im Dezember 1967 in Paris dazu brachte, ein Glas Wein zu trinken. Ich hätte damals noch Coca Cola bevorzugt. Sie unterstützte mein Interesse für Wein während der Anwaltsschule, und sie bestärkte mich darin mich von der Anwaltschaft zurückzuziehen, obwohl unsere Zukunft damit nicht mehr gesichert war. In den frühen Jahren meiner Wine Advocacy war ihr fließendes Französisch mein einziger Weg, mit den Produzenten zu kommunizieren. Ich sprach erst Ende der 80er Jahre einigermaßen fließend französisch. Sie tolerierte die vielen langen Stunden der Arbeit sowie die niemals enden wollenden Reisen an meiner Seite.

DEGUSTATION Aber sie hat - so mein Eindruck von diesen Tagen - ein sicheres Urteilsvermögen.

PARKER Ja, sie ist eine sehr großartige Probiererin. Ich denke, Frauen haben überhaupt eine bessere, eine feinere Sensorik. Sie haben zwar meist nicht die Erfahrung, aber sie haben die klareren Instinkte. Unser Business ist ja leider sehr von Männern dominiert. Aber ist es Ihnen nicht auch schon mal aufgefallen, daß es oft ausgerechnet Frauen sind, die besonders maskuline Weine machen: Madame Bize-Leroy in Burgund, Madame Faller im Elsaß, Christine Fabre von Château Troplong-Mondot oder Teresa Lungarotti in Umbrien. Ihr 85er San Giorgio hat doch ein ganz anderes Kaliber als die Weine, die ihr Vater gemacht hat.

DEGUSTATION Heute sind 100-Parker-Punkte das höchste Lob für einen Weine, das non plus ultra. Wie kamen sie auf das 100 Punkte System?

PARKER Da keiner von uns mit dem bestehenden System der Weinbewertung zufrieden war, besonders nicht mit der 20 Punkte Methode von Davis, diskutierten wir Alternativen wie z. B. ein Buchstabensystem A, B, C, D. Die Entscheidung fiel zugunsten eines 50 bis 100 Punkte Systems, identisch dem Punktesystem, das ich aus der Uni kannte.

DEGUSTATION Wie groß ist heute Ihr Team?

PARKER Ich beschäftige im Büro zwei Sekretärinnen, die mir den Schreibkram erledigen, Korrespondenz, Buchhaltung, die Vorbereitung der Proben etc.. Eine davon ist meine Mutter. Sie ist zugleich meine größte, gnadenlose Kritikerin. Aber ich kann sie nicht feuern, denn ich liebe sie.

DEGUSTATION Wie geht die Arbeit, das Probieren vor sich?

PARKER Probiert wird zwei- bis dreimal die Woche an ein, zwei wechselnden Tagen morgens und am Freitag den ganzen Tag. Da kommt dann mein alter Freund Dr. Jay Miller, ein Kinder-Psychologe und hilft mir. Er ist ein glaubwürdiger Degustator und begleitet mich auch oft auf Reisen nach Burgund und an die Rhône. Vor allem die Rhône-Weine liebt er sehr.

DEGUSTATION Was heißt morgens?

PARKER Um punkt 7 Uhr fange ich an. Dann bin ich frisch, habe mehr Energie, bin konzentriert. Ich trinke vorher nicht mal Kaffee. Um elf Uhr ist das Tasting beendet. Da bauen wir ca. 200 Weine auf, alle verdeckt und zu einem bestimmten Thema vorsortiert, z. B. der gleiche Jahrgang, eine Region oder eine Rebsorte. Im Gegensatz zu heute - da war die Probe ja ein in jeder Hinsicht reines, wenn auch sehr anstrengendes Vergnügen - spucke ich dann natürlich alle Weine aus.

DEGUSTATION Und am Abend trinken Sie da auch mal abgesehen von Restaurantbesuchen Wein nur so zum Vergnügen?

PARKER Pat und ich trinken jeden Abend Wein. Wir machen acht bis zehn Weine auf, auch die meist zu einem Thema z. B. 1985 St. Julien, probieren auch wieder verdeckt und trinken dann den aus, der uns am besten schmeckt.

DEGUSTATION Es gibt nur zwei Personen, deren Namen in die Weinsprache eingegangen sind. Man spricht von der Peynauisierung in Bordeaux, wenn man mit einem Wort die Tendenz beschreiben will, die unter dem Einfluß von Prof. Peynaud die Hightech in den Kellern von Bordeaux einführte mit dem Ergebnis, daß man in den siebziger und achtziger Jahren dort mehr und mehr schnell konsumierbare Weine produzierte, denen es aber an Tiefe und Lagerungsfähigkeit fehlte. Man spricht aber auch von parkerisierten Weinen und meint damit Weine, die dem dichten, opulenten Stil entsprechen, den Sie so offenkundlich schätzen.

PARKER Ich halte das für ein Gerücht oder, wenn überhaupt, für Einzelfälle. Der Einfluß eines Kritikers ist doch nur von recht kurzer Dauer. Andererseits, wenn ein Winzer, der bisher weniger gute Weine produziert hat, einen besseren Wein macht, nur um einem Kritiker wie mir zu gefallen, dann ist das doch in Ordnung. So hätte ich ihm ja geholfen.

DEGUSTATION Man sagt aber, daß Winzer extra Weine für Sie abgefüllt hätten, also nicht irgendein Faß oder die endgültige Assemblage, sondern eine Probeflasche des jeweils besten Faßes.

PARKER Das mag vorgekommen sein, aber wenn, dann kann man mit mir das nur einmal machen. Ich merke das ja spätestens, wenn ich später den Wein aus der Flasche probiere. Ich habe verschiedentlich in meinen Büchern darauf hingewiesen, daß ich den Verdacht habe, daß manche Weine durch das Filtrieren bei der Abfüllung soviel an Substanz verloren haben, daß sie nicht mehr identisch sind mit dem Wein, den ich aus dem Faß probierte. Wenn ich das merke, probiere ich bei diesem Winzer keinen Wein mehr aus dem Faß beziehungsweise publiziere die Bewertung mit Vorbehalt oder gar nicht. In Burgund zum Beispiel ist das passiert, und ich habe meine Konsequenzen daraus gezogen.

DEGUSTATION Wie würden Sie einen großen Wein definieren?

PARKER Sie sind einfach groß. Das spürt man. Sie sprechen alle Sinne an, füllen sie aus mit all ihrer Komplexität. Man will einen solchen Wein immer wieder haben. Er macht irgendwie süchtig. Und das ist auch (noch) der Unterschied zwischen den Klassikern Europas und der neuen Weinwelt. Die großen europäischen Weine vereinen in sich Intensität und Eleganz. Sie sind komplex aber niemals schwer. Das ist das gleiche wie bei der guten Küche.


Mario Scheuermann

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Die 80er Jahre

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Robert Parker jr. :
"Meine Mutter ist eine gnadenlose Kritikerin." Das grosse Interview mit dem amerikanischen Weinkritiker aus dem Jahr 1995.

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Datum der letzten Aktualisierung: 2006-11-01

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